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Aktualisiert: 4. Oktober 2010, 18.00 Uhr

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Aus dem Bezirk Bonn vom 30. August 2003:

NAK Bosnien-Herzegovina


Der Organist und Priester
Bei Kaffee und Kuchen
Die kleine Gemeinde
Blivk aus dem Cockpit
Vor dem Versammlungshaus

Gottesdienst unter schwierigen Bedingungen.

Zum ersten Mal hörte ich auf dem Jugendtag der Gebietskirche NAK-Mitte in Rüsselsheim davon: In der zweiten Jahreshälfte sind NAK-Jugendliche im deutschen SFOR-Anteil in Sarajevo (Bosnien-Herzegovina) eingesetzt. Weitere Recherchen bei der Verwaltung konkretisierten die Angaben: Im Feldlager Railovac sind mehrere Jugendliche und mindestens ein Priester eingesetzt. Letzterer soll dort die Gottesdienste für die bosnischen Geschwister halten. Das war im Frühjahr. Im August ergab sich nun die Möglichkeit, im Rahmen einer Wehrübung die dortigen Jugendlichen zu besuchen. Schnell war der Kontakt zum dortigen Priester hergestellt. Stabsfeldwebel Dieter Wagner ist im Feldlager in der Personalabteilung eingesetzt. Er lud mich herzlich zu einem Besuch ein.

Am 22. August landete mein Flieger, eine Transall der Bundeswehr, dann in Tuzla, knapp 120 km von Sarajevo entfernt. Zwei Tage später war Sonntag. Ich hatte mich am Abend zuvor mit Stabsfeldwebel Wagner in seinem 15 Quadratmeter großen Container getroffen. Auf dem Schreibtisch lag ein Stapel „Unsere Familie“, davor leuchtete die Bibel im Schein der kleinen Schreibtischlampe. Priester Wagner berichtete von den Hindernissen, die er nach seiner Ankunft überwinden musste, bis er seinen Auftrag, dort Gottesdienst zu halten, erfüllen konnte: Geplant war, dass der dortige Diakon, der einzige Amtsträger in Bosnien, den deutschen Priester im Feldlager abholen und zum etwa 100 Kilometer entfernten Gottesdienstlokal bringen sollte. Aber: Deutsche Soldaten dürfen im Ausland nicht in einheimische Fahrzeuge steigen. Eine andere Möglichkeiten gab es nicht; die Dienstfahrzeuge sind alle in Gebrauch. Wenige Tage nach der Ankunft saß Wagner nun in einem der zahlreichen „Betreuungseinrichtungen“ des Lagers, kleinen gemütlichen Bars der einzelnen Kompanien und Teileinheiten, und kam mit dem Leiter des Presseinformationszentrums ins Gespräch. Dieser berichtete ihm, dass er dringend einen Fahrer suche. Den konnte ihm Stabsfeldwebel Wagner wegen Überbesetzung in seinem Bereich zur Verfügung stellen. Beim nächsten Treffen kam Wagner dann zur Sache: Als Gegenleistung, so bat er den PIZ-Leiter, würde er sich gerne alle 14 Tage Sonntags den Fahrer inklusive Fahrzeug ausleihen. Der Deal war perfekt.

Treffpunkt war am Sonntagmorgen um viertel vor Acht vor dem Sanitätsgebäude. Mit dabei: Der Fahrer, Priester Wagner, zwei Soldaten und ein neugieriger Reporter. 90 Minuten später trafen wir mit unserem olivfarbenen VW-Bus in Celebici ein, einem kleinen Ort zwischen Mostar und Sarajevo: Einem Ort voller Moslems und nur einer christlichen Familie. Im Haus eines deutschen Priesters wohnt Schwester Munevera Mededovoc mit ihren Kindern. Hier finden die Gottesdienste im Wohnzimmer statt. Der Altar steht im Durchgang zur Küche. Freudig begrüßten uns die wartenden Geschwister: Zwei Familien und mehrere Gäste aus Mostar. Besonders freute sich Senat, der Diakon der Gemeinde.

Priester Wagner wechselte das Erscheinungsbild: Vom verstaubten Fleckentarn in den schwarzen Anzug. Nach wenigen Minuten war er bereit, setzte sich hinter die Orgel. Halb deutsch, halb bosnisch erklang Lied Nummer 301 aus dem Gesangbuch. Ein ungewöhnlicher Gottesdienst an einem ungewöhnlichen Ort. Da störte auch das Summen des Kühlschranks nicht. Der Diakon gab eine kurze Zugabe. Die Soldaten in Uniform saßen gemischt mit den einheimischen Geschwistern. Auffallend deren freudiger Glaube und das starke Interesse an der Predigt. Allein die Anreise dauerte für sie mehrere Stunden. Gebannt lauschen sie der Predigt.

Nach dem Gottesdienst versammelten wir uns dann auf dem Balkon des Hauses. Als erstes gab es einen Slibowitz dann wurde Kuchen aufgetischt. Dazu gab es bosnischen Kaffee. Nun stieß auch unser Fahrer zu uns, der zuvor am Fahrzeug aufgepasst hatte. Im Kreis der Geschwister erfuhr ich einiges über ihre Lebensumstände und die Situation der NAK in dem armen Land. Die Arbeitslosigkeit liegt bei weit über 50 Prozent!

Mittlerweile wird im Haus des Diakon eine Versammlungsstätte eingerichtet. Problematisch: In direkter Nähe liegt eine Moschee. Die Baumassnahmen werden also von allerhand Misstrauen begleitet. Trotzdem ist unsere Kirche in Bosnien-Herzegowina staatlich anerkannt. Gute Voraussetzungen für ein starkes Wachstum der jungen Gemeinde.

Nach nur einer Stunde auf dem sonnigen Balkon mussten wir Soldaten uns verabschieden. Um 13 Uhr beginnt im Lager der sonntägliche Dienst für die Soldaten. Ein freudiger Abschied: Vor allem „Onkel Dieter“ ist bei den Kindern beliebt. In 14 Tagen ist der nächste Gottesdienst im kleinen Haus in Celebici.

Ungeachtet der äußeren Umstände fühlt sich Stabfeldwebel und Priester Wagner auch hier zu Hause. Auch wenn die Familie in Deutschland ist, so hat er neben der dienstlichen noch eine weitere sehr wichtige Tätigkeit: „Trotz der mit einem sechsmonatigen Einsatz verbundenen Probleme weiß ich jetzt, warum ich hier in den Einsatz gehen musste“, so Wagner zum Abschluss, bevor wir uns verabschieden. Für mich geht es nach einer Woche wieder zurück in die Heimat. Priester Wagner und die Jugendlichen bleiben noch bis Ende des Jahres im Bosnien-Einsatz. Wieder einmal hat sich gezeigt, dass es überall gleich ist - nur ein bisschen anders.


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