Aus dem Bezirk Aachen vom 5. November 2003:
Vor dem Entschlafenengottesdienst …
1.Timotheus 2, 1: „So ermahne ich nun, dass man vor allen Dingen tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen, …“ Am 1. November 2003 trafen sich Jugendliche in Aachen-Mitte zum gemeinsamen Fürbittgebet vor dem Entschlafenen-Gottesdienst. Vor der Feierstunde sang die anwesende Gemeinde aus dem Lied: „Wo keine Wolke mehr sich türmt…“ Bezirksälteste Peter Jobes begann die Feierstunde mit Gebet und einleitenden Worten und überließ die weitere Gestaltung den zumeist jugendlichen Vortragenden.
Bruder Wolfgang Dorsel trug zu Beginn einleitende Gedanken vor, die ihm Bischof Otten für diese Feierstunde mitgegeben hatte. Der Bischof verwies dabei auf das Wort aus 2. Timotheus 2, 20, in welchem von den Gefäßen in einem großen Haus die Rede ist. Wir sollen in dieser Arbeit an entschlafenen Seelen goldene Gefäße – die in der Wahrheit stehen – und silberne Gefäße – die in Liebe tätig sind – sein zu ehrenvollem Gebrauch. Im weiteren nahm Bruder Simon Dietz Bezug auf weltweit aktuelle Ereignisse die mit Seelen im jenseitigen Bereichen Ewigkeit in enger Verbindung stehen. Er trug auch das Gedicht „Das Gebet“ von Antoine de Saint-Exupéry vor, welches Bezirksapostel Leber auf dem Jugendtag in Hamburg erwähnte.
Anschließend sprach Bruder Wolfgang Dorsel die Opfer des Flugzeugunglücks über dem Bodensee im Sommer letzten Jahres an. Der Bezug zu dieser Vorbereitungsstunde entstand durch seinen Bruder, der seit Jahren am Bodensee wohnt und ihn extra darum gebeten hatte, auch dieser Seelen besonders zu gedenken, weil ihn das Ereignis in den letzten Tagen immer mehr beschäftigte. Die Schwestern Lydia und Elvira Stevens wiesen auf die große Zahl der Ungeborenen und im Säuglingsalter Verstorbenen hin. Zugleich baten sie um Verständnis für all jene, die ihnen das Leben nahmen, bevor es wirklich begann, weil sie Opfer ihrer persönlichen Zu- und Umstände waren. Andrea Schulz und Daniel Jobes trugen dann das „Tagebuch eines ungeborenen Kindes“ vor. Die tief bewegte Gemeinde sang im Anschluss daran das Lied: „Treff ich Dich wohl bei der Quelle …“
Ein weiterer Bereich betraf die Menschen, die durch Sucht und Suizid verstorben sind. Hier wurde auch aus dem persönlichen Erleben berichtet: Wie dankbar können wir doch sein, das wir mit unseren alltäglichen Sorgen und Ängsten nicht so belastet sind, dass wir den Freitod als letzte Möglichkeit ansehen. Ein weiteres persönliches Erleben trug Schwester Hella Baudisch vor, deren Klassenkamerad aus unerwiderter Liebe das Kind der Nachbarsfamilie ermordete. Sie wies in diesem Zusammenhang auf die vielen Seelen hin, die Opfer von Gewalttaten wurden für die sie ganz besonders eintreten möchte.
Eine ganz besondere Gruppe sprach der Bezirksjugendleiter Dietmar Jobes an, der über die Katharer und die Inquisition sprach. Er war in seinem Urlaub auf diese beiden Gruppen aufmerksam geworden und veranschaulichte, wie problematisch die Erlösungsarbeit an Seelen ist, die durch die Institution Kirche ihr Leben auf grausamste Weise lassen mussten. Im letzten Wortbeitrag befasste sich Bruder Dorsel mit den Auswirkungen des 2. Weltkrieges in unserer Region. Hier verloren bei der neun Monate währenden Schlacht um den Hürtgenwald 70 000 Seelen ihr Leben. Ganz besonderen Wert legte er auf die Wichtigkeit, über keine der Seelen zu urteilen, sondern allen Seelen, Täter und Opfer gleichermaßen die Hand zu reichen.
Bruder Wolfgang Dorsel sprach noch ein Fürbittgebet, um allen angesprochenen Seelen den Weg aus ihren Bereichen zum Gnadenaltar zu erleichtern. Danach beendete der Bezirksälteste die Stunde mit Gebet und gemeinsam sangen wir aus dem Lied „Brich herein, süßer Schein….“.
Gebet
Verfasser: Antoine de Saint-Exupéry
Ich bitte nicht um Wunder und Visionen, Herr,
sondern um Kraft für den Alltag!
lehre mich die Kunst der kleinen Schritte:
Mache mich findig und erfinderisch,
um im täglichen Vielerlei und Allerlei
rechtzeitig meine Erkenntnisse und Erfahrungen zu notieren,
von denen ich betroffen bin.
Mach mich griffsicher in der richtigen Zeiteinteilung,
schenke mir das Fingerspitzengefühl, um herauszufinden,
was erstrangig und was zweitrangig ist.
Lass mich erkennen, dass Träume nicht weiterhelfen,
weder über die Vergangenheit noch über die Zukunft.
Hilf mir, das Nächste so gut wie möglich zu tun
und die jetzige Stunde als die wichtigste zu erkennen.
Bewahre mich vor dem naiven Glauben,
es müsste im Leben alles glatt gehen.
Schenke mir die nüchterne Erkenntnis,
dass Schwierigkeiten, Niederlagen, Misserfolge, Rückschläge
eine selbstverständliche Zugabe zum Leben sind,
durch die wir wachsen und reifen!
Erinnere mich daran,
dass das Herz oft gegen den Verstand streikt.
Schick mir im rechten Augenblick jemand, der den Mut hat,
mir die Wahrheit zu sagen!
Ich möchte dich und die anderen immer aussprechen lassen.
Die Wahrheit sagt man sich nicht selbst,
sie wird einem gesagt.
Du weißt, wie sehr wir der Freundschaft bedürfen.
Gib, dass ich diesem schönsten, schwierigsten,
riskantesten und zartesten Geschäft des Lebens gewachsen bin!
Verleihe mir die nötige Phantasie,
im rechten Augenblick ein Päckchen Güte
mit oder ohne Worte an der richtigen Stelle abzugeben.
Mach aus mir einen Menschen,
der einem Schiff mit Tiefgang gleicht,
um auch die zu erreichen, die „unten“ sind.
Bewahre mich vor der Angst,
ich könnte das Leben versäumen.
Gib mir nicht, was ich mir wünsche,
sondern was ich brauche.
Tagebuch eines ungeborenen Kindes
Verfasser unbekannt
3. Oktober
Heute begann mein Leben. Meine Eltern wissen es noch nicht, aber ich bin schon da. Ich werde ein Mädchen sein – mit blondem Haar und blauen Augen. Alle meine Anlagen sind schon fertig, auch dass ich eine Schwäche für Blumen haben werde.
19. Oktober
Manche sagen, ich sei noch keine richtige Person, sondern nur meine Mutter existiere. Aber ich bin eine richtige Person, genauso wie eine kleine Brotkrume eben Brot ist. Meine Mutter existiert. Ich auch!
23. Oktober
Jetzt öffnet sich schon mein Mund; Denke nur, in ungefähr einem Jahr werde ich lachen und später sprechen. Ich weiß, was mein erstes Wort sein wird: „Mama.“
25. Oktober
Mein Herz hat heute zu schlagen begonnen. Von jetzt an, wird es für den Rest meines Lebens schlagen, ohne jemals innezuhalten, etwa um auszuruhen. Und nach vielen Jahren wird es einmal ermüden. Es wird stillstehen und dann werde ich sterben.
2. November
Jeden Tag wachse ich etwas. Meine Arme und Beine nehmen Gestalt an. Aber es wird noch lange dauern, bis ich mich auf diese kleinen Beine stellen und in die Arme meiner Mutter laufen kann und bis ich mit diesen Armen Blumen pflücken und meinen Vater umarmen kann.
12. November
An meinen Händen bilden sich winzige Finger. Wie klein sie sind! Ich werde damit meiner Mutter übers Haar streichen können.
20. November
Erst heute hat der Arzt meiner Mutter gesagt, dass ich hier unter ihrem Herzen lebe. Oh, wie glücklich sie doch sein muss! Bist du glücklich Mama?
25. November
Mama und Papa denken sich jetzt wahrscheinlich einen Namen für mich aus. Aber sie wissen ja gar nicht, dass ich ein kleines Mädchen bin. Ich möchte gern Susi heißen. Ach, bin ich schon groß geworden!
10. Dezember
Mein Haar fängt an zu wachsen. Es ist weich und glänzt so schön. Was für Haar die Mama wohl hat?
13. Dezember
Ich kann schon bald sehen. Es ist dunkel um mich herum. Wenn Mama mich zur Welt bringt, werde ich lauter Sonnenschein und Blumen sehen. Aber am liebsten möchte ich meine Mama sehen. Wie siehst du aus Mama?
24. Dezember
Ob Mama wohl die Flüstertöne meines Herzens hört? Manche Kinder kommen etwas kränklich zur Welt. Aber mein Herz ist stark und gesund. Es schlägt so
gleichmäßig: bum – bum, bum – bum. Mama du wirst eine gesunde Tochter haben!
28. Dezember
Heute hat mich meine Mutter umgebracht!
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