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Aktualisiert: 4. Oktober 2010, 18.00 Uhr

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Aus dem Bezirk NRW vom 2. April 2004:

SMS-Bibel: Keine Zeit?


Sanduhr

Die Heilige Schrift ist inzwischen in über 2000 Sprachen übersetzt worden. Nun kommt noch eine weitere Version hinzu: die SMS-Bibel für Handy-Displays. Das Evangelium häppchenweise als Kurzmitteilung sozusagen. Um die Frohe Botschaft noch schneller verbreiten zu können, hat der norwegische Internetdienst „GospelSearch“ sie einfach noch gekürzt: das Vaterunser zum Beispiel auf SMS- freundliche 160 Zeichen. „Vater im Himmel. Du bist heilig. Komm!“ lauten die ersten drei Verse der Kompakt-Version - Praktisch, nicht wahr?! Heutzutage scheint niemand mehr Zeit zu haben – selbst das Bibellesen wird auf ein Minimum reduziert.

Jeder und Alles und muss schnell, effizient und möglichst ersetzbar sein. Was früher noch als das Phänomen „Managerkrankheit“ bezeichnet wurde, hat heute auf weite Teile der Bevölkerung übergegriffen. Nicht nur erwachsene Berufstätige in Spitzenpositionen sind betroffen, sondern auch Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Die Erwartungen sind – und werden – hoch gesteckt. Die Aussage „Lustig ist das Studentenleben“ hat bereits lange schon nur noch eine musikhistorische Bedeutung, nichts mehr mit der Realität gemein.

„Schluss mit Lustig!“, heißt es heute. Trotz Spaßgesellschaft? Ein Paradoxon? Schneller, effizienter, parallel. Multitasking ist angesagt, selbstverständlich ambitioniert. Die Messlatte wird bereits den Kindern seitens ehrgeiziger Eltern auf- und hoch gelegt: möglichst im Vorschulalter ein Instrument – es dürfen auch gerne zwei sein – und oder eine erfolgversprechende Leistungssportart erlernen. Die Zeit läuft ja. Von Geburt an. Oder eigentlich schon zuvor: In den USA haben bereits vorgeburtliche Seminare regen Zulauf. Dort werden zukünftigen Eltern unter anderem Techniken vermittelt, wie man zum Beispiel mittels Lichtzeichen durch die Bauchdecke der Schwangeren bei gleichzeitigem lauten Vorzählen dem Embryo eine bessere Auffassungsgabe für zukünftige mathematische Problemstellungen bescheren könnte. Selbstverständlich alles von klassischer Musik untermalt – vorbereitend für das baldige Notenlernen. Kein Witz, sondern traurige Realität.

Dies ist aber kein US-amerikanisches Phänomen, sondern in Zeiten der Globalisierung ein weltweites: Nirgendwo ist die Selbstmordrate unter Schülern, Studenten und Auszubildenden höher als in Asien. Die Konsequenz krankhaften Ehrgeizes, von den Eltern bereits vorprogrammiert und mit in die Wiege gelegt. Auch hierzulande gehen die Tendenzen eindeutig in dieselbe Richtung. Dabei bleibt die persönliche, natürliche Entwicklung der Kinder und Jugendliche zumeist auf der Strecke. Sie vermissen ja auch nichts. Im Gegenteil. Wen interessiert es, ob Kühe braun, schwarz-weiß oder lila sind. Laut einer Umfrage glauben bereits die meisten Großstadtkinder, dass diese lilafarben sind. Buden bauen, draußen spielen? In einer Welt mit Kinder-Laptops, Playstations und Kabel-TV und der zunehmenden Gefahr durch Kriminalität jeglicher Färbung? Diese Zeiten sind vorbei. Die Kinder und Jugendliche von heute kennen sie nicht – und sie fehlen ihnen auch nicht. Erzählungen davon wirken auf sie antiquiert, altbacken, anachronistisch, obsolet.

Früher war alles besser? Mitnichten. Heute jedoch sind die Erwachsenen von morgen zuweilen psychosoziale Opfer der westlichen Spaßgesellschaft – ohne es zu wissen. Die Palette an Unterhaltungs-angeboten ist schier grenzenlos. Dabei ist ein Großteil davon rein oberflächlicher Natur. Alles soll möglichst Spaß bereiten ohne aufwändig zu sein – Anstrengungslosigkeit wird zum Kult erhoben. Unterhaltung beinhaltet meist nur ablenkenden Charakter. Ablenkung von Fragen existenzieller Natur wie zum Beispiel „Woher komme ich – wohin gehe ich?“ und „Warum bin ich eigentlich da?“. Die Fragen nach dem Ich, der eigenen Person und Persönlichkeit, nach dem Sinn des Lebens. Unbequeme, manchmal auch ängstigende, anstrengende Fragen, denen labilere Naturen gerne mit viel Ablenkung – ,„Freizeitstress“ – oder persönlichem, manchmal krankhaftem Ehrgeiz ausweichen. Oder mit Drogen. Die fehlende Zeit kompensiert die Angst vor der Realität und der Zukunft. Das ist auf eine gewisse Art auch bequem.

Wir als neuapostolische Christen brauchen aber keine Angst vor der Zukunft zu haben. Denn unsere Heimat ist nicht die von Terror, Kriminalität, Kriegen und Katastrophen bedrohte und gekennzeichnete Erde. Diese bedeutet nur Lebensraum für eine im direkten Vergleich mit der Ewigkeit verschwindend geringe Zeit. Die zunehmende, um sich greifende Angst sollte uns mehr und mehr aufschauen lassen zu unserer himmlischen Heimat. Und darüber nachdenken. Sich, sein Leben, seinen Glauben reflektieren. Antiquiert ausgedrückt: Innere Einkehr halten. Dafür braucht man natürlich hin und wieder mal ein wenig Zeit. Die wir gar nicht haben? Irrtum: Wenn wir wollten, so hätten wir sie. Es ist eine Frage der Prioritäten: Muss ein drittes Instrument erlernt werden oder eine weitere Sportart, unbedingt ein zusätzlicher Studiengang von fragwürdiger Bedeutung für das weitere Leben absolviert werden? Für das persönliche Portfolio? Prioritäten und Einteilung von Zeit: Nicht alles muss jetzt, sofort und heute sein.

Betrachtet man seinen eigenen Tages- und Wochenverlauf einmal von der Perspektive eines Kranken, so verschieben sich sofort die Wertigkeiten und Prioritäten. Man wäre vielleicht schon mit ganz kleinen, für andere selbstverständliche Schritten und Tätigkeiten zufrieden – oder sogar glücklich. Und krank werden oder verunfallen können wir leider alle ganz schnell und ganz leicht. Versucht man dann noch zusätzlich, alles einmal von der Perspektive der Ewigkeit – oder der Metaebene, wie es so schön heißt – zu betrachten, so bekommt all das, was uns so in Anspruch nimmt, die zwischen-menschlichen Dinge vernachlässigen lässt, das Ellenbogen–Denken fördert, uns ablenkt vom Wesentlichen – unserer Liebe zu Gott und unseren Nächsten –, uns die Zeit raubt automatisch einen anderen, angemesseneren Stellenwert.

Versuchen wir es doch einfach einmal. Ein kompletter Tag hatte – und hat – immer noch 24 Stunden. Auch im Jahre 2004. Eine kleine Anekdote als Beispiel für die Relativität des Zeitbegriffs vom so genannten „schwarzen Kontinent“: Im Sommer 2002 hatten afrikanische Massai (Hirtennomaden) der amerikanischen Regierung eine kleine Rinderherde als Zeichen der Solidarität für die Ereignisse des 11. September 2001 zukommen lassen. Sie hatten davon erst ein Dreivierteljahr danach erfahren.
Nehmen wir uns auch Zeit für unseren Glauben. Und das Lesen in der Heiligen Schrift. Dann brauchen wir keine SMS-Bibel.


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